Unser kleines Dorf-Jahrhunderthochwasser

Manchmal muss man schnell reagieren und das ist oft nicht einfach, erst recht nicht, wenn man selbst betroffen ist.
Bei mir liegt die Kamera generell griffbereit auf dem Tisch, so auch am 05.06.2011. Wir hatten zuvor ein kräftiges Gewitter mit Blitzeinschlägen im Umkreis von unter 300 Metern. Irgendwann fiel dann erwartungsgemäß auch der Strom aus. Als verwöhntes Kind der Generation Y weiss man zwar noch etwas unterhaltsames in Zeiten ohne Internet anzufangen, aber weil ich so unendlich müde war, hab ich mich schlafen gelegt.
Inmitten grausamster Träume wurde ich plötzlich von Rufen geweckt: “Im Dorf ist Hochwasser, alles überflutet, das musst du fotografieren!”
In diesem Moment bin ich von den üblichen kleineren Wasserströmen ausgegangen, die von den Kanälen nicht mehr kompensiert werden können. Deshalb hab ich mich erstmal gemütlich angezogen und bin anschließend zum Küchenfenster gegangen (ich residiere im 2. OG), um einen Blick nach draußen zu werfen. In diesem Moment wusste ich nicht, ob ich nicht doch noch in den Fängen eines Albtraums war – eine noch nie dagewesene Wassermasse hatte sich den Weg über anliegende Felder vor unserem Grundstück gebahnt. Es sah so aus, als würden wir am Mississippi leben und ich bräuchte nur einige Schritte zu gehen, um mein aus angeschwemmten Holzstämmen gebautes Holzfloß ins Wasser zu schieben, um die genialen Abendteuer des Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu durchleben. Der pure Wahnsinn – in diesem Augenblick zumindest.

Nachdem ich mir die Augen gerieben hatte und um die Realität dieses Ereignisses  wusste, hab ich in windeseile mein Equipment zusammengerafft und bin aus dem Haus gerannt.
Es war bereits 21:00 Uhr durch und die Dämmerung in vollem Gange, deswegen hatte ich die Befürchtung, dass ich nicht schnell genug überall vor Ort sein könnte, um noch mit einigermaßen gutem Licht zu fotografieren. Ich entschied mich für die Verwendung eines ND-Grad Filters, um die Szenerie entsprechend hell ablichten zu können, ohne einen ausgeweißten Himmel zu bekommen, der die Dramatik der Situation hervorragend betonen sollte – wolkenverhangen, düster.
Ein Nikon SB-800 war natürlich auch Pflichtbestandteil, sollte es für die Dokumentation diverser Rettungsmaßnahmen der Feuerwehr und Anwohner schon zu dunkel sein – was es definitiv sein würde, bis ich ankommen würde.
Nachdem ich die Haustür geöffnet hatte, entgegnete mir ein stechender Geruch aus Heizöl, Gülle und Gummi. Die Nebelschwaden über dem Wasser verstärkten den grauenhaften Eindruck. Das Wasser hatte Heizölkeller geflutet und Heizöl ausgeschwemmt. Die Folgen für die Natur waren mir in diesem Moment auch allgegenwärtig …

Als ich im Dorf ankam wurde mir bewusst, dass ich keinen großartigen Spielraum haben würde. Das Wasser umgab uns hier, so dass ein Durchkommen in andere Ortsteile nicht möglich war (Verdammt, hätte ich doch nur dieses grandiose Tom Sawyer Floß gehabt …).

Mein Vater und ich liefen, nachdem im Dorf eh kein Durchkommen war, in Richtung Wald, um evtl. einen anderweitigen Ausweg aus dem Dorf zu finden. Was wir über die ganze Strecke hin vorfanden war – wie sollte es anders sein: Wasser. Selbst ein verwirrter Autofahrer, der dringend in die Stadt musste, kam uns in seinem 5er BMW entgegen – nicht gerade der bevorzugte Wagen für abendliche Geländefahrten in einem Hochwassergebiet. Kleiner Spaß. Es gab kein Entkommen, wir waren vom Wasser umschlossen. Punktum.

Als wir gegen 23 Uhr wieder im Dorf ankamen, waren die Aufräumarbeiten bereits in vollem Gange. Einige Feuerwehren der umgebenen Ortschaften hatten mit Hilfe von Pumpen den Wasserspiegel soweit absenken können, dass ihre Fahrzeuge das Wasser passieren konnten.

Pumpen liefen überall. Und das noch bis spät in die Nacht. Gegen 3.00 Uhr früh verstummten sie schließlich und entließen die betroffenen Anwohner in eine düstere, schwüle und nach Diesel riechend, stille Nacht. Ihr Schlaf dürfte wohl alles andere als geruhsam gewesen sein, an diesem historischen Tag im Juni 2011.

Für mich hatte dieser Abend allerdings auch etwas Gutes zur Folge: Ich habe meine ersten Fotos an die dpa verkauft und kam an den Tagen danach kaummehr aus dem Durchsuchen nach meinen Bildern in den Medien heraus – plus: unser Dorf war jetzt medial etwas bekannter.
Das zeigt mal wieder, wie nahe Freud und Leid im Leben beisammen liegen.